Eine Offenlegung meines Blogger-Exoskeletts

Ich lese im Netz herum und daraus entstehen Texte - Festes aus Flüssigem, wie ein Kirchturm im See.

Zwar nicht zufällig (Auswahl der Quellen und Filter), aber auch nicht bis ins Allerletzte durchgeplant (Serendipitätsprinzip bzw. Empfehlungen, die ich aufschnappe).

So ist das im Netz.

Ein Beispiel:

Text 1 Schreiben kann die Gedanken der Lesenden nicht anders als Marketing oder politisches Agenda Setting beeinflussen - genaue Kenntnisse über die Zielgruppe sind deshalb besonders hilfreich, um medial Wirkung zu entfalten.

Text 2 Denn auch Schreiben ist - genau genommen - ein Akt der Gewalt, ein Versuch, jemanden dazu zu bewegen, die Dinge aus einer anderen, fremden Sicht zu sehen.

Text 3 Es gibt keinen anderen Weg. Die Fakten allein will niemand lesen; erst müssen die Emotionen der Leser geweckt werden, damit sie diesen feindlichen Akt des Fremde-Brille-Überstülpens akzeptieren und sich auf eine neue Sichtweise einlassen.

Text 4 Deswegen kommt es zunächst auf die Haltung an, mit der man etwas vermitteln möchte. Sie öffnet die emotionale Tür zum Leser.

Text 5 Es ist weltfremd, das nicht sehen zu wollen und auf ein Objektivitätsdogma zu pochen, das nicht einzuhalten ist, nie eingehalten werden konnte.

Text 6 Das heißt nicht, dass man keine Fakten präsentieren kann oder sollte. Im Gegenteil. Es heißt nur, dass man ein Narrativ benötigt, um den Kopf des Lesers zu erreichen - eine Erzählung, die ihn auch emotional anspricht. Nur dann ist er auch bereit, sich mit harten Daten und Fakten auseinander zu setzen.

(Apropos Festes aus Flüssigem: Die Struktur dieses “Textes” ist natürlich nicht zufällig entstanden, sondern beeinflusst von dem Text, den ich gerade sozusagen oben drüber lese. So ist das überall, btw: Wenn man krank ist, sieht man nur Kranke; wenn ich fürchte, dass meine Freundin ungewollt schwanger wird, sehe ich vor allem dicke Bäuche, etc.tralala.)

Nachtrag: Siggi Becker und danach Christoph Kappes haben den Gedanken aufgenommen und ebenfalls etwas zur “Dialektik zwischen Texten und Strömen” (siehe Trackback von Markus Spath) geschrieben.

Panta Rhei - alles fließt. Das war wunderbar.


 
 
 

2 Kommentare zu “Eine Offenlegung meines Blogger-Exoskeletts”

  1. Schwung der Figur im wendenden Punkt » now! | now!
    17. Oktober 2012 um 14:46

    [...] Flüssiges zu flüssigem. Teilnehmen in einem Fluss. Keine kanonischen Texte mehr sondern Teilnahme an einem großen kontingenten Fluss. Darin liegt auch das Unverständnis begründet, das Menschen die nicht aktiv im Netz unterwegs sind selbigem entgegenbringen. Darum ist Free Jazz für den Zuhörer anstrengender als für den aktiven Improvisator. Darum sind Denker wie Kusanowsky auch immer noch in einer Geste befangen, die versucht zu argumentieren und kanonische Erkenntnisse zu simulieren. Wir müssen hier – und das hier ist das Überall morgen – neue stilistische Schreibhaltungen erfinden, die diesem 24/7 Fluss mehr entsprechen als die der Seminaristen, Föjetongisten oder Postdocs. Wer sich mit der Cut-up Technik von Burroughs anfreunden kann ist der Zukunft des Schreibens und der Kommunikation näher als alle Gralswächter der Theorie je sich wähnten. [...]

  2. Linkwertig: Google, Text, Recht, SEO » netzwertig.com
    18. Oktober 2012 um 09:17

    [...] müssen heute, hier erfunden, gefunden werden.» Schwung der Figur im wendenden Punkt » Eine Offenlegung meines Blogger-Exoskeletts Urheberrecht Weiteres Beispiel für die Probleme des derzeitigen Urheberrechts: unangenehme [...]

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