Resteverwertung #Öffentlichkeitsschnipsel

Ich weiß noch nicht, ob und wie es hier weitergeht. Aber das ist ja kein Grund, meine Social-Media-Schnipsel wie vertrocknete Grasbüschel vom kalifornischen Wüstenwind hinweg wehen zu lassen. Oder so.

Das Muster ist - Überraschung - Öffentlichkeit (gepostet in den vergangenen zwei, drei Monaten auf google plus:

Marianne Lieder in ihrer Rezension zu Volker Gerhardts Buch zum Thema Öffentlichkeit:

Kant erklärte die Öffentlichkeit, damals noch unter dem Terminus „Publizität“, zur „transzendentalen“ Bedingung von Recht und Politik. Auch die Ethik musste sich für Kant öffentlich begründen lassen, ebenso wie die Wissenschaft und Kunst, denn jede Erkenntnis sei ein „Communicator-Machen“, jedes ästhetische Urteil beruhe auf einem Sensus communis. Hinter diese Einsicht sei die Mehrheit der späteren Berufsdenker wieder zurückgefallen. Dies gilt für Hegel und Carl Schmitt ebenso wie für den Öffentlichkeitstheoretiker Jürgen Habermas.

Ich:

Noosphäre ist Öffentlichkeit, nur umfassender und mit anderen Mitteln.

Constantin Seibt:

In der öffentlichen Sphäre werden nicht Wahrheiten verhandelt, sondern Meinungen. Denn Wahrheit ist, da unveränderbar, eigentlich unpolitisch: Wer die Wahrheit sagt, stellt nur Tatsachen fest. Über Jahrhunderte war Wahrheit deshalb auch nie ein politisches Thema. Worüber seit Plato nachgedacht wurde, war der Gegensatz von Wahrheit und Meinung.

Wikipedia zum Begriff Nachrichtenwert:

Personalisierung: Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.

Siggi Becker zu Edward L. Bernays Propaganda.

Immer noch Plichtlektüre.

Burkhard Müller in der SZ vom 26.11.2012 über Narrative in einer Rezension zu Albrecht Koschorkes Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie.

Erzählen dient dem Stoffwechsel des Kollektivs mit der Welt. Es sichert den Zusammenhalt diverser Communitys über ihr Fachchinesisch hinaus. Es wählt aus und richtet zu, auf dass sich das Relevante mit dem Gedächtnis verschwistere. Es relativiert die humorlosen Hochdiskurse durch sein respektloses Geplapper und Gekicher. Es gibt, eine Art umgekehrter “stiller Post”, dem formlosen durch sukzessive Durchläufe allmählich Form. Es bearbeitet Normprobleme im Modus des Einzelfalls, agiert also wie ein Gericht, aber informell.

Constantin Seibt zitiert Hannah Arendt:

Denn was wir unter Wirklichkeit verstehen, ist niemals mit der Summe aller uns zugänglichen Fakten und Ereignisse identisch und wäre es auch nicht, wenn es uns je gelänge, aller objektiven Daten habhaft zu werden. Wer es unternimmt, zu sagen, was ist, kann nicht umhin, eine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte verlieren die Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist.

Dirk Baecker (Text nicht mehr online) zum Thema Demokratie und Öffentlichkeit in der Weltgesellschaft:

Die Ungewissheit der Souveränität der Nation und die Oszillationen einer Öffentlichkeit im Kontext einer global, digital und ökologisch verunsicherten Weltgesellschaft erschweren die Selbstbestimmung eines Staatsvolks in einem bisher unbekannten Ausmaß.

Sollte die Nation im Kontext der Autopoiesis der Weltgesellschaft weiterhin an Einfluss verlieren, wird es erforderlich, die Variable dēmos neu zu bestimmen: Die Öffentlichkeit ist mit dem Staatsvolk weder identisch noch kann aus ihm jene Form der Selbstbeherrschung gewonnen werden, die ein Staatsvolk kennzeichnet.

Die Öffentlichkeit ist statt dessen das Komplement eines Staatsvolks im kommunikativen Raum der Gesellschaft, gleichsam der Spiegel, in dem ein Staatsvolk laufend überprüft, ob die Formen der Selbstbeherrschung, die es gefunden hat, noch wünschenswert sind.

Der Soziologe Łukasz Jurczyszyn analysiert neue Protestformen, die in den vergangenen Jahren in Polen aufgetaucht sind - u.a. auch anhand der ACTA-Bewegung:

Die Anti-ACTA-Erfahrung lehrt, dass jeden Augenblick Aufgaben auftauchen können, für die es sich lohnt, partikulare Differenzen und Konflikte zu vertagen, um sich taktisch zur Erreichung eines wichtigen Ziels zusammenzuschließen

Sascha Lobo in einer seiner Spiegel-Kolumnen:

Hinter den vielen Open-Bewegungen wie Open Access, Open Data, Open Government und auch Open Source steht nicht weniger als ein neues Verständnis von Öffentlichkeit. Die vordigitale Öffentlichkeit war primär ein Kommunikationsraum, die digitale Öffentlichkeit ist zusätzlich ein Funktionsraum.

Guuardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, der für den Journalismus bzw. die Vierte Gewalt zwei Kardinalprobleme sieht: die Abhängigkeit von Subventionen (subsidy) und die Tendenz zur Monopolisierung (Ownership) - ein optimistisches Plädoyer, den neuen Mitspieler in der #Öffentlichkeit (”third wing to the fourth estate”) willkommen zu heißen:

Virtually every adult over the age of 30 grew up with the idea that the fourth estate consisted of just two parts – press and broadcasting. Each was owned, financed and regulated in different ways and each gave rise to different ideas of what journalism was. (…) But now there’s a new kid on the block. A third wing to the fourth estate, if that’s not too mixed a metaphor. You could even argue there are two new kids on the block – the original world wide web (essentially another form of transmission) and web 2.0, the advent and rapid maturing of so-called social, or open, media. (…)

Franz Walter über Zivilgesellschaft und Partizipationsdemokratie:

Gerade die modernen Partizipationsinitiativen liefern keine Lösung des Ungleichheitsproblems, laufen vielmehr noch stärker auf eine Art Zensusdemokratie hinaus. Es behaupten sich im zivilgesellschaftlichen Engagement im Wesentlichen diejenigen, die über besonderes Kapital verfügen, die Interessen wirksam zu organisieren vermögen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, die Bündnispartner aufgrund des eigenen gesellschaftlichen Gewichts gezielt mobilisieren können.

San Keller über facebook und Öffentlichkeit:

Ich behaupte, Facebook und Warhol, der ja sehr virtuos mit dem Grenzgebiet von Privatem und Öffentlichen umging und einen öffentlichen Raum im Kopf schuf, haben etwas Gemeinsames. Die Kategorien des Öffentlichen und des Privaten werden umgepflügt oder zumindest neu konfiguriert. Warhol kodierte das Öffentliche als Privates um und umgekehrt. Facebook ist eine soziale Skulptur, die niemand bewusst als solche geschaffen hat und die aus technischen Möglichkeiten heraus entstanden ist. Aber Facebook verändert den Öffentlichkeitsbegriff.

Sascha Lobo über die Piratenpartei und Öffentlichkeit:

Eine kirremachende Ironie des Schicksals: Was im Kleinen lächerlich wirkt und großen Anteil am Piraten-Burnout hat - die Mühen der ständigen Transparenz und die intensive Einbeziehung der Öffentlichkeit - wäre im Großen das beste Mittel gegen die Merkelsche “marktkonforme Demokratie”, die der Treiber des gesellschaftlichen Burnouts ist.

Felix Stalder zur Piratenpartei und ihrer Einstellung zur Öffentlichkeit:

Wir haben immer mehr Menschen mit ganz viel Nischenwissen und ganz viel Spezialistentum. Die Piratenpartei ist ein gutes Beispiel dafür. Deren Mitglieder sind unglaublich communityorientiert und haben wenig Interesse, mit der Allgemeinheit, der Öffentlichkeit im alten Sinne, zu kommunizieren. Die verstehen das Internet ja eh nicht, ist die Haltung.


 
 
 

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