Kaffeepause beim Bierzeitankündiger

Felix Schwenzel hat einen schön zu lesenden Text geschrieben, in dem er sein Blog (stellvertretend für das Internet) als “mein kleines kaffeehaus” beschreibt - als offenen Ort für Gäste, an dem Publikationen aus aller Welt herumliegen, die zum Verweilen oder auch zum gegenseitigen Austausch einladen. Und mit Habermas und Wikipedia betont er dann “die Funktion der Kaffeehäuser als wichtigen Bereich der öffentlichen Sphäre, durch die sich eine bürgerliche Öffentlichkeit etablieren konnte”.

das internet ist genau das geworden, was ich mir als ideales kaffeehaus vorgestellt habe. zeitschriften und zeitungen aus aller welt hängen kostenlos rum, überall sitzen intellektuelle, es herrscht lärm und rauschen — und doch findet man hier seine innere ruhe (beispielsweise wenn man ins internet reinschreibt). das internet ist ein wichtiger bereich der öffentlichen sphäre, in dem sich derzeit eine neue öffentlichkeit etabliert.

Nun gilt Schwenzel als der Bierzeitankündiger der Blogosphäre, und insofern hätte es eigentlich besser gepasst, wenn er sein Blog nicht als Kaffeehaus, sondern als Schankwirtschaft bezeichnet hätte. Denn dort zum Beispiel - in den holländischen Wirtshäusern der Renaissance - entwickelte sich Öffentlichkeit ebensosehr und sogar früher als in den berühmten Kaffeten.

Und was soll das überhaupt sein, “bürgerliche Öffentlichkeit”? Es wird gerne und nicht nur von Schwenzel angeführt, dass Kaffeehäuser ein “natürliches Habitat von Intellektuellen” seien und einen Austausch über Standesgrenzen hinweg ermöglichten. Dabei gibt es selbst heutzutage, wo auf dem europäischen Kontinent Intellektuelle höchstens an seinen östlichen Grenzen überhaupt noch irgendeine (politische) Bedeutung haben, kaum einen Geistesarbeiter, der Standesdünkel nicht als symbolisches Kapital für sein Prestige einsetzen würde.

Diese Öffentlichkeit-Kaffeehaus-Intellektuellen-Verknüpfung geht natürlich auf Jürgen Habermas und seiner über 40 Jahre alten These vom Strukturwandel der Öffentlichkeit zurück. Und dagegen - weder gegen Kaffeehäuser noch gegen Habermas - ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Eigentlich.

Uneigentlich kommt aber kaum ein Text oder eine Studie, die sich mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander setzt, ohne den Hinweis auf die Habermas-Öffentlichkeit aus. Selbst diese unfassbar schlechte Abhandlung der von einem recht bekannten Unternehmen namens google finanzierten Denkbude (”Think Tank”) Co:Lab in Berlin bezieht sich auf den Philosophen, indem der Verfasser behauptet, dass sich “trotz der Möglichkeiten der Erweiterung des Öffentlichen durch die Entwicklung sehr vieler lokaler und spezialisierter Massenmedien (…) während des 20. Jahrhunderts speziell in hoch industrialisierten Gesellschaften eine Schwächung der Öffentlichkeit feststellen” lasse.

Klar, diese These passt google natürlich gut in den Kram. Da kann man sich dann ganz leicht selbst als Retter der Öffentlichkeit präsentieren; und es fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass der gute alte Jürgen H. das Internet ja eigentlich ziemlich blöd findet. Dummerweise ist es nur so, dass diese These seit langem und mehrfach widerlegt worden ist: Weder ist Öffentlichkeit erst in der Moderne (und damit auch nicht in irgendwelchen Kaffeehäusern) entstanden noch ist sie im Verfall begriffen.

Die so oft und speziell von Habermas problematisierten Teilöffentlichkeiten kann man ebensogut auch als Ausdifferenzierungen und damit als Gewinn für die öffentliche Sphäre deuten, weil die unterschiedlichsten Interessen in ihnen bedient werden können. Entscheidend ist dabei nur, ob diese Teilöffentlichkeiten auf Verknüpfung mit anderen angelegt sind.

Das Internet ist doch ganz im Gegensatz zu einer Verfallsgeschichte der Öffentlichkeit eine Verheißung, eine unfassbare Chance für einen (sozial) breiter und durchmischter angelegten öffentlichen Raum. Für eine Sphäre, in der weder Intellektuelle noch ihre publizistischen (Feuilleton)-Organe als maßgebliche Gatekeeper fungieren, die Themen und Menschen je nach Gusto einlassen oder außen vorhalten können. Insofern würde ich mir wünschen, dass wir neue Vergleiche und Geschichten (er)finden, mit denen die digitale Öffentlichkeit anschaulich beschrieben werden kann. Und dass wir andere Gewährsleute für unseren Öffentlichkeitsbegriff angeben als immer nur den Habermas.

Das Internet ist eben kein klassisches Massenmedium. Deshalb sollten wir uns auch nicht an den alten Dispositiven der Massenmedien orientieren. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Felix Schwenzel bald einen ebenso schönen, aber doch ganz anderen Text schrübe.


 
 
 

4 Kommentare zu “Kaffeepause beim Bierzeitankündiger”

  1. Fritz
    26. Februar 2013 um 19:41

    “Kaffeehaus” ist zu gemütlich. Natürlich gibt es im Netz eine Fülle von “Cafe’s”, wo Leute ihr tägliches Schwätzchen halten. Aber das ist ein Strang, der für das Ganze nicht so charakteristisch ist wie die lauten Straßen.
    Vllt. bei Negt/Kluge ansetzen - “Öffentlichkeit und Erfahrung”? Im Netz liegen ja nicht nur mehr Zeitschriften aus, sondern auch mehr persönliche Erfahrungen. Und die “Erfahrung” hat vernetzungstechnisch den gleichen Rang wie irgendein Zentralorgan, so dass jederzeit “Erfahrung” die Reste konventioneller Öffentlichkeit überspülen kann. Das Netz ist dann auch ein Kampfplatz, wie es ihn so radikal und direkt früher höchstens bei echten Saalschlachten gab. Nur zur Erinnerung: Der kometenhafte Aufstieg Grillos wird wesentlich auf seine Vormacht im Netz zurückgeführt und damit auf seine größere Nähe zur “Erfahrung” der Bevölkerung - wenn man so will: die Netzöffentlichkeit hat sich damit als genauso potent erwiesen wie das Medien-Imperium Berlusconis.
    Und das Netz produziert den öffentlichen Tumult nicht mehr nur als Ausnahme, sondern beinahe als die Regel. Darunter gibt es natürlich viele andere Schichten und auch das “räsonierende Publikum”, das man schon fast für ausgestorben hielt, kehrt im Netz zurück. Aber eine Idylle ist das Netz nicht. Es gibt da viel Hektik, viel Kampf, viel Verwirrung, viel Störung, viel künstliche Aufregung, viel Geschrei aus allen Richtungen, das von außen ständig ins Cafe hineingerufen wird, auch Täuschung und Lüge en masse etc. Anders als bei der herkömmlichen, vorgefilterten und editierten Öffentlichkeit hat man es mit dem ganzen Menschen zu tun, mit dem ganzen Kosmos seiner Themen, in seiner Blödsinnigkeit und seiner Klugheit, seiner Beschränktheit und seinen Fähigkeiten, die Beschränktheit zu überwinden etc. Das Netz ist eine viel emotionalere und zerrissenere Öffentlichkeit als die des bürgerlichen Zeitalters. Ein Bild dafür sieht vllt eher aus wie feuerroter Galaxiennebel.

  2. Thorstena
    27. Februar 2013 um 10:54

    Grillo als Netzphänomen ist faszinierend, das stimmt. Ich bringe seinen “internetgestützten Aufstieg” zwar irgendwie nicht mit dem Begriff “Erfahrung” zusammen, aber es ist auf jeden Fall auffällig, dass das Internet inzwischen nicht funktionierenden Öffentlichkeiten (und das kann man von Italien ja durchaus sagen) etwas entgegen setzen kann.

    Beim Thema Emotionen und “Hass im Internet”, das gerade ja richtig Konjunktur bekommt, bin ich nicht sicher: Übergangsphänomen, bis Regeln des sozialen Umgangs sich implizit gebildet haben, oder doch grundsätzliches Problem?

  3. Fritz
    27. Februar 2013 um 11:57

    Ich fürchte, die Distanz unterstützt die Hysterie, die sowieso bei öffentlichen Debatten immer eine Gefahr ist (im Gegensatz zu Gesprächen in abgeschlossener Formationen). Ich hatte dazu gestern auch unter Lobos Artikel in der FAZ was geschrieben. Mir fiel auf, dass selbst in diesem gediegenen und soziodemografisch vermutlich etwas älteren Umfeld in den Kommentaren der Ton einreißt, den man sonst in seiner ganzen Abstrusität so schön unter Artikeln der Welt zur Eurokrise finden kann. Die Frage ist ja im Grunde die, ob die Chance zu einer mehr partizipativen Demokratie daran scheitert, dass zu viele Leute kaum imstande sind, sich vernüntig und höflich über ein Thema zu unterhalten, wenn sie das im Netz tun (sonst geht das vllt besser, z.B. sind bei einem Hangout die Bedingungen anders und verändern auch den Diskussionsstil). Hysteriephänomene bei öffentlichen Debatten sind übrigens mal wieder etwas Uraltes und tauchen schon im alten Griechenland auf. Ich habe da vor kurzem hier was gelesen: http://is.gd/LQXjnZ , leider wird das Buch plötzlich nicht mehr als Volltext angezeigt. Aber schon das Inhaltsverzeichnis bildet weiter ;)

  4. Thorstena
    27. Februar 2013 um 12:09

    “Die Frage ist ja im Grunde die, ob die Chance zu einer mehr partizipativen Demokratie daran scheitert, dass zu viele Leute kaum imstande sind, sich vernüntig und höflich über ein Thema zu unterhalten, wenn sie das im Netz tun.”

    Sicher ist das nicht besonders hilfreich, und Lobo hat ja gestern in dieser Richtung auf einen nachdenklichen Ton angeschlagen. Andererseits ist die Kritik am Publikum spätestens mit dem Entstehen von Massendemokratien immer schon ein Hebel gewesen, um sich sozial abzugrenzen und den eigenen Einfluss zu bewahren - deswegen bin ich generell misstrauisch gegenüber Versuchen, den Leuten Lernfähigkeit abzusprechen.

    In den 1920er Jahren kristallisierte sich so etwas zB in den Kritiken des Sport- und Kinopublikums heraus: “Es sind arme Lohnabhängige, die sich für Eigentümer halten; betrogene Ignoranten, die sich gebildet glauben, und Tote, die meinen, sie hätten Sitz und Stimme.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Publikum)

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