#postpluralismus

Wie jede erfolgreiche Begriffsschöpfung bündelt “Postdemokratie” eine Reihe von diffusen Erfahrungen – in diesem Fall vor allem politische Ohnmachtserfahrungen. Der Begriff scheint aber auch eine neue historische Konstellation zu treffen: Einerseits gibt es zur Legitimationsfigur der “Volksherrschaft” keine Alternative – sogar Putin will die Demokratie, wenn auch eine “gelenkte”. Andererseits aber sind die Bürger immer weniger überzeugt, das eigene politische Schicksal in der Hand zu haben. (…)

In so gut wie allen westeuropäischen Staaten wurde nach 1945 die Macht von Parlamenten eingeschränkt, aus Sorge, Volksvertretungen könnten noch einmal alle Macht an Figuren wie Hitler oder Pétain übertragen; stattdessen traten nicht durch Volkswahl direkt legitimierte Institutionen wie Verfassungsgerichte einen Siegeszug an. Auch standen die Parlamente keineswegs in besonders hohem Ansehen (…)

Wenn Postdemokratie also nicht Postparlamentarismus ist (jedenfalls kein neuer), was ist sie dann? Sie ist, mit einem Wort, Postpluralismus. Das Gleichgewicht gesellschaftlicher Kräfte, so die eigentliche These, habe sich entscheidend zugunsten grosser Unternehmen verschoben. Deren Interesse besteht nicht darin, einen freien Markt, sondern vielmehr ihre Vormachtstellung zu sichern – eine Befürchtung, die auch wirtschaftsliberalen Gegnern von Marktmonopolen nicht fremd ist. Und die Firmen, so die Diagnose weiter, setzten ihre Interessen durch, indem sie immer mehr Geld in eine Politik pumpten, die nicht mehr Parteien alten Schlages, sondern Meinungsmanager und politische Manipulatoren brauche.

Jan-Werner Müller setzt sich im Rahmen einer Artikelreihe in der NZZ zum Thema Volksherrschaft mit dem Begriff Postdemokratie und dem gleichnamigen Buch Colin Crouchs auseinander.


 
 
 

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