Hinter dem Horizont

Nehmen wir einmal an, das Bewusstsein eines einzelnen Menschen wäre im Grunde das, was die Öffentlichkeit für viele Menschen ist: eine Technik, um sich mit anderen Menschen über das zu verständigen, was alle angeht. Nehmen wir also an, dass die Evolution uns ein individuelles Bewusstsein herbei entwickelt hat, damit wir zusammen mit anderen Menschen Herausforderungen in beidseitigem Einvernehmen und zu ebensolchem Nutzen meistern können.

Dann wäre das Bewusstsein ein Werkzeug der gegenseitigen Verständigung und eine ursprüngliche Form der Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit wäre eine Weiterentwicklung dessen: ein Produkt der kulturellen Evolution, das es den Menschen gestattet, über ihre biologischen Grenzen hinaus Millionen, ja Milliarden von Menschen in Gesellschaften mehr oder weniger identitätsstiftend zusammenzuhalten.

Öffentlichkeit wäre damit mit ihrer neuen digitalen Form nach einigen 1.000 Jahren dort angekommen, wo das Bewusstsein schon immer war: Die digitale Öffentlichkeit wäre die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen.

Die digitale Öffentlichkeit wäre also, um es kurz zu sagen, Weltöffentlichkeit.

Die elektronischen Medien (…) belegen, wie eng die öffentlichen Prozesse der Information und Kommunikation mit den Leistungen des Einzelbewusstseins verknüpft sind.

(Parafrisierung des Grundgedankens von Volker Gerhardt, Philosophie-Professor an der Berliner Humboldt-Uni, in seinem Buch Öffentlichkeit: Gerhardt weitet darin den Beobachtungshorizont für Öffentlichkeit weitest möglich aus und betrachtet den Menschen als Homo Publicus - als Lebewesen, das ohne Öffentlichkeit nicht überleben kann.)

Foto: Nordkap/Mark Jetzkowitz (Creative Commons)


 
 
 

6 Kommentare zu “Hinter dem Horizont”

  1. Leo Faltin
    6. März 2013 um 10:17

    Nehmen wir einmal an, die Annahme zu Beginn wäre falsch. Dann könnte man Öffentlichkeit und ihre Wirkung immer noch so sehen, wie es hier beschrieben wird. Woraus ich den Schluss ziehe, die ursprüngliche Annahme gar nicht zu benötigen.

    Abgesehen davon halte ich sie tatsächlich für falsch. Aber das ist eine andere Geschichte.

    MfG
    LF

  2. Thorstena
    6. März 2013 um 11:31

    Ich habe mit Bedacht von Para-Frisierung geschrieben. Es ist natürlich so, dass Gerhardt seine These wesentlich komplexer und umfassender begründet.
    Vielleicht ist es sinnvoll, auch auf die Intention des Autors hinzuweisen: Es ist die laut Gerhardt nach wie vor unzureichend beantwortete Frage, wie individuelles und kollektives Bewusstsein miteinander verbunden sind. Und dass sie zusammenhängen, ist für ihn klar: Wenn man in irgendeiner Form von “kollektivem Bewusstsein” spricht, kann dieses nur aus der Menge der individuellen Bewusstseinsträger zustande kommen, sofern man nicht metaphysisch werden möchte.

    Unter dem Strich ist für mich das Interessanrte aber eher seine Weitwinkel-Perspektive auf Öffentlichkeit. Das steht ganz im Gegensatz zu den Theorien, die üblicherweise herangezogen werden, um zB so etwas wie die digitale Öffentlichkeit einzuordnen. Das läuft alles immer noch auf Habermas hinaus und wird dem Phänomen nicht gerecht (siehe http://www.thorstena.de/?p=5280)

  3. Thorstena » Profiling ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und sei es für einen Twitter-Wetterbericht
    16. Mai 2013 um 20:02

    [...] ist die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenp… zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen. Nicht nur für Stefan Heidenreich ist deshalb diese [...]

  4. Thorstena » Diskurshäuflein mit Katzenjammer
    27. September 2013 um 20:06

    [...] Na gut, wovon reden wir hier eigentlich? Doch offensichtlich nicht von Formen des Netz-Protestes, auch nicht von Forderungen an die Netz-Politik, sondern von den Möglichkeiten, den Netz-Diskurs zu beeinflussen und in den der Massenmedien einzupflanzen. Wir reden also über Öffentlichkeit im Internetzeitalter. [...]

  5. Diskurshäuflein mit Katzenjammer | Carta
    28. September 2013 um 19:02

    [...] Netz-Diskurs zu beeinflussen und in den der Massenmedien einzupflanzen. Wir reden also über Öffentlichkeit im [...]

  6. Thorstena » Ritter von der traurigen Gestalt
    7. Oktober 2014 um 17:20

    [...] Vergleich dazu wird ja die digitale Öffentlichkeit gerne als erste wahre Welt-Öffentlichkeit gesehen, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne [...]

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