Migrationshintergrund Harz

Ich hatte mal einen Kumpel, nennen wir ihn mal Jonas, der stammte aus Niederbayern und war nach Berlin gekommen. Er hatte eine scharfe Zunge und Übergewicht. Und er litt gerne. In Berlin litt er vor allem an bornierten Eingeborenen und zugezogenen Möchtegern-Indigenen, die sich weigerten, einen Dialekt sprechenden Bayern, einen wie ihn zu akzeptieren. Das war seine feste Überzeugung, zumindest was die Frauen betraf. Dabei waren die Zunge und das Gewicht an seinem durchaus zutreffend analysierten Status nicht ganz unschuldig.

Ich verlor den Kontakt zu Jonas. Und fand ihn dann in der Blogosphäre wieder - nicht leibhaftig (leibhaftig in der Blogosphäre, geht das überhaupt?), aber den Typus mit der scharfen Zunge und dem bayrischen Dialekt. Jedenfalls höre ich immer ein süddeutsches Timbre durch, wenn ich Don Alphonso lese, und eine scharfe Zunge hat er bekanntlich auch; zumindest schreibt er so. Don Alphonso hat übrigens mal eine Zeit in Berlin verbracht. Richtig glücklich wurde er da nach eigenem Bekunden aber nicht. Bei St.Burnster hat er das Gefühl beschrieben, wie es ist, ein Bayer in Berlin zu sein.

“Der Bayer, der weiss, wie grausam die Provinz und wie nichtig München sein kann, dann in Berlin landet und sich an dieser Stadt abarbeitet, die ihn ums Verrecken nicht haben will, weil er immer ein Bayer sein wird. Sie wird ihn in manches Bett und mitunter einen guten Tag haben lassen, aber am End spuckt sie einen aus wie eine Fliege im Bier, und dann hat sie einen sofort vergessen, weil wieder andere Bayern kommen und diese Erfahrung machen.”

(Mir kommt es so vor, als ob von den ganzen Schwaben und Bayern, die es nach Berlin verschlagen hat, nur die letzteren mitunter das Bedürfnis verspüren, in der Masse aufzugehen - ohne Dialekt und sonstige kulturelle Auffälligkeiten. Die Schwaben kommen nie auf den Gedanken, etwas anderes als Schwaben sein zu wollen. So gesehen sind sie die Türken des Prenzlauer Bergs; denen wird ja gerade mangelnde Integrationsfähigkeit nachgesagt. Übrigens eine Grenzüberschreitung des zuvor gültigen politisch korrekten Sprachgebrauchs, Migrationsproblematiken nicht auf kulturelle, sondern auf soziale Probleme zurückzuführen. Das Wörtchen Leitkultur regt heute ja auch niemanden mehr auf.)

St.Burnster ist damit meine dritte bajuwarische Bekanntschaft, mit der ich mich auseinandersetze, spätestens nachdem er seine persönliche Migrationsgeschichte offenbart hat, deren Ausgangspunkt Regensburg ist. St.Burnster lebt offenbar gerade – richtig – in Berlin, macht die am eigenen Leibe erfahrenen interkulturellen Unterschiede aber nicht an seinem Dialekt oder am Bayer-sein-an-sich fest, sondern an der Freude am Raufen, die ihm in Regensburg weitaus ausgeprägter erscheint als in Berlin. “Mein Migrationshintergrund” hat er seinen Text genannt, und bei diesem Aufhänger habe ich mich beschämt darin erinnert, dass ich mich selbst ab und an für originell hielt, als ich auf Multikultiparties, auf denen nach dem Motto “Mein Haus, mein Auto, meine Familie” das Smalltalkgeplänkel “Meine Herkunft, meine Sprachen, meine Kultur” ablief, von meinem persönlichen Migrationshintergrund sprach: dem Harz.

Nun brauche ich natürlich einen ebenso überzeugenden Grund wie den klar zu identifizierenden Dialekt oder die ausgeprägte Rauflust, um zu begründen, warum sich eine Sozialisation im Umfeld des Brockens von anderen Prägungen unterscheidet. Aber das ist kein Problem, da muss ich nur an die Leiden meiner Frau denken, wenn sie mit mir in meine Heimat fahren muss: Während ich dort in der Regel sofort von anderen Männern in die Nähe einer Theke geschleppt werde und Fleisch, Tabak, Bier und Schnaps konsumiere, sitzt sie mit den zu den Harzer Männern gehörenden Frauen beim Kräutertee in der Küche und muss sich über Backrezepte, Haushaltsutensilien und dörfliche Affären unterhalten.

Kurz, der Harz steht in meiner Familie für eine Geschlechtertrennung, die an adenauersche Zeiten gemahnt und jede(n) demotivierte(n) Gender-Studies-Studentin(en) wieder auf Trab bringen würde. Grund genug für meine Frau, ein dauerhaftes Leben in dieser traumhaft schönen Mittelgebirgslandschaft auszuschließen. Sie könnte auch sagen, ins Ausland gehe sie nicht.

“Hexenmeister, halber Chor:

Wir schleichen wie die Schneck im Haus,
Die Weiber alle sind voraus.
Denn, geht es zu des Bösen Haus,
Das Weib hat tausend Schritt voraus.

Andere Hälfte:

Wir nehmen das nicht so genau,
Mit tausend Schritten macht’s die Frau;
Doch wie sie sich auch eilen kann,
Mit einem Sprunge macht’s der Mann.”

Goethe, Faust I

 


 
 
 

Ein Kommentar zu “Migrationshintergrund Harz”

  1. Thorstena » Magie 2.0: Hasenpest und Hasenhochzeit
    23. Februar 2009 um 02:10

    [...] Ahne, mit dem ich die väterliche Linie meiner mütterlichen Seite einführen könnte: Ein Bauer im Nordharz, der eine Wette gewann und dafür sterben musste. Das muss Ende des 19., Anfang des 20. [...]

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