Aufmerksamkeitsökonomistenbias

Jeder Diskurs wird nicht zuletzt von seinen materiellen Grundlagen mitbestimmt - das ist auch bei Intellektuellen nicht anders, obwohl gerade sie ihre Legitimation gerne mit geistiger Unabhängigkeit begründet sehen wollen.

In den 1920er-Jahren war es zum Beispiel die Presse, die Schriftstellern und Privatgelehrten, die weder mit Verkaufszahlen noch mit Anstellungen im akademischen Betrieb ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, ein meist bescheidenes, aber eben doch ein Auskommen ermöglichte - Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Joseph Roth, Georg Simmel und wie sie alle hießen.

Henry Farrell hat sich nun unter dieser Perspektive das Wirken einiger “Technologie-Intellektueller” angeschaut, die in Nordamerika einen nicht unwesentlichen Einfluss auf öffentliche Diskussionen haben, die sich um Internet, Digitalisierung und damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel drehen.

Seine These: Die Tech-Intellektuellen blenden zentrale, unmittelbar mit der Netzwirtschaft zusammen hängende sozio-ökonomische Realitäten wie zum Beispiel die reality of skyrocketing political and economic inequality aus, da sie am Tropf der Aufmerksamkeitsökonomie hängen. Stattdessen pflegten sie ihre wachsweiche rhetoric about the Internet’s openness to new and wonderful things, so Farrell:

Technology debate relies tacitly or indirectly on the tech industry for many things: funding of conferences, support of fellowship positions, speaking engagements, a purchasing public for technology books. And this reliance manifests itself in the culture of argument. Nearly all prominent technology intellectuals (Siva Vaidhyanathan and Susan Crawford are honorable exceptions) share technology entrepreneurs’ conviction that business has a crucial role to play either in pushing back government to make room for market-driven entrepreneurialism (the libertarian version) or working together with government to make balky bureaucracy more publicly responsive (the liberal-leaning-toward-left version).


 
 
 

4 Kommentare zu “Aufmerksamkeitsökonomistenbias”

  1. Siggi
    17. September 2013 um 22:39

    Mir ist dieser Farrell egal. Hab noch nie n Bier mit ihm getrunken. Aber als Streichholz reichts mir allemal um mal wieder die Kerbe zu beleuchten die da ist, über die aber so ungern geredet wird. Diese ungemütliche Gemengelage aus verborgenen ökonomischenn Abhängigkeiten mit Aufmerksamkeitsmechanismen, Netzeffekten, Winnertakesall-Märkten, Gatekeepersspielchen im Diskurs >vs.< Utopien, Hoffnungen, Technologien die etwas Möglich machen können/könnten. Das ist ein Rattenfraß dem kleinliches Diskursgebimmel nicht weiterhelfen wird. Da wird man im Einzelfall mal fragen müssen: Biste Krankenversichert? Wer zahlt Deine Miete? Wann hast Du das letzte Mal für einen Vortrag ein Honorar bekommen? Usw. Die alten Produktionsumstände. Finger in Wunde. Position beziehen.
    Dadrüber könnte man erst eine ehrliche Debatte über die kommunikativen, akkumulierenden Mechanismen aufbauen. Wenn sich alle belügen und be-weissen, wird sowas nie auf den Tisch geknallt werden.

  2. Fritz
    18. September 2013 um 08:57

    Wohl wahr. Zur materiellen Grundlage gehören aber nicht nur die mäzenatischen, öffentlichen, unternehmerischen oder sonstigen Kapitalflüsse, sondern auch der Aufmerksamkeitsmehrwert, den ein “Intellektueller” zu den Veranstaltungen anliefert. Der Berufszweig könnte “Prominenzdarsteller” oder “Medienrelevanz-Darsteller” heißen. Wer bis 45.000$ für eine Rede erhält, kriegt die ja nicht für seine längst bekannten Formulierungen, sondern für “persönliches” Erscheinen - Key-Note-Diskurse, Event-Verdelung. Am Ende gilt aber auch die Umkehrung: Die bezahlten Prominenz-Diskurse werden an den “materiellen Grundlagen” scheitern - irgendwann gehen den Tech-Utopisten die Argumente angesichts der ökonomischen und sozialen Realitäten aus. Das passiert in den nächsten Jahren, vermute ich. Die Dialektik des Netzes wird sich IMHO dann allmählich voll entfalten. Im Grunde sieht man jetzt schon die ersten Gedanken-Blasen platzen - 7% der Nutzer bringen Facebook “Vertrauen” entgegen, um nur ein Beispiel zu nennen, bei dem Utopie und Realität längst für alle sichtbar auseinanderfallen. Das “Surveillance”-Programm ist eine andere Ecke, mit der Tech-Utopisten nicht so leicht fertig werden - Cook musste neulich bei seiner iPhone-Update-Show schon extra betonen, dass der gescannte Fingerabdruck nicht in der NSA-Cloud landet. Das sind die ersten Risse im Lack. Und last-not-least kommt ja auch der Notruf nach nicht-affirmativer Kritik von Farrel nicht zufällig jetzt und wird offenbar vergleichsweise aufmerksam rezipiert - diese “Idee” wird nicht aufzuhalten sein, wenn ihre Zeit gekommen ist? Mal sehen. Ich rechne auf alle Fälle damit, dass die Utopisten in den nächsten Jahren kleinlauter werden. Und dann könnten “die materiellen Grundlagen” andere Speaker nach vorne schieben.

  3. Thorstena
    18. September 2013 um 11:47

    Constantin Seibts Bild vom Wandel des journalistischen Marktes hin zum Starsystem und Kunstmarkt ist übrigens eine sehr schöne Ergänzung zu diesem Text, wie Siggi ja schon auf google plus angemerkt hat:

    “Im Kern geht es – bei bezahlten oder unbezahlten Blogs, bei der Meinungsführerschaft in einer gewissen Sparte, bei Flattr, beim Aufbau eines eigenen Netzes, einer eigenen Marke, eines Berufs, bei dem die Texte nur noch Werbeträger für einen Vortrags- oder Beratungsjob sind – um die Errichtung eines Starsystems. Die cleversten werden für ihre Arbeit hinreichend bezahlt, dass sie davon leben können. Die anderen nicht.

    Der einzige Unterschied zum Kunstsystem ist, dass ein breites Publikum die Summen einiges breiter streut, statt dass eine Elite den Gewinnern Elitenpreise zahlt. Trotzdem bleibt in einem Markt, der Individuen als Marken handelt, das Problem immer dasselbe: Aufmerksamkeit ist ein knappes und untreues Gut. Die meisten werden es nicht schaffen und wenn, nicht auf Dauer.”

    Quelle: http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/32931/die-journalisten-als-pack/

  4. Thorstena » Diskurshäuflein mit Katzenjammer
    27. September 2013 um 20:19

    [...] etc.) schlachten, sich aus der geistigen Abhängigkeit von der Techindustrie befreien - und damit sich den eigenen Biasen stellen. Das würde Glaubwürdigkeit [...]

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