Runterkommen bitte

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Freitag ist das spannendste Projekt auf dem deutschen Zeitungsmarkt seit der Etablierung des Magazins Focus vor 16 Jahren - dazu sympathischer und ambitionierter und in einem weitaus schwierigeren Umfeld gestartet.

In einem weitaus schwierigeren Umfeld gestartet, weil es derzeit verwegen erscheint, eine Zeitschrift zu erwerben, ihr Konzept umzukrempeln und dann auch noch darauf zu hoffen, dass dies funktioniert und sich trägt. Wo doch in den USA die Stimmen immer lauter werden, dass man Journalismus sehr wohl, auf Papier gedruckte Presserzeugnisse aber nicht unbedingt bräuchte (Clay Shirky: Newspapers and Thinking the Unthinkable) und alle nur noch darauf zu warten scheinen, wann mit der New York Times eines der Flagschiffe des Zeitungsjournalismus überhaupt vor die Hunde geht. Das hätte sich vor 16 Jahren noch niemand träumen lassen; da ging es nur darum, ein Stückchen vom fetten (Spiegel)-Kuchen abzuzwacken – was ja auch gelang.

Ambitionierter, weil Focus “nur” ein erfolgreiches Konzept, eben das des Spiegels, modifizierte, während der Freitag zumindest in der deutschen Presselandschaft etwas wirklich Neues macht: der “Tendenz zur Normierung” (Jakob Augstein) in der deutschen Presse mit Hilfe des Mitmachwebs etwas entgegenzusetzen sucht. Und das auch noch links der Mitte, wenngleich undogmatisch, mit einem Blatt, dessen Bekanntheitsgrad sich jenseits altlinker und professoraler Milieus in Grenzen hält.

Und sympathischer, weil Jakob Augstein nicht feist und selbstzufrieden wirkt (was manche Helmut Markwort ja unterstellen mögen), weil er offensichtlich etwas erreichen möchte, was jenseits monetärer Gesichtspunkte liegt, und weil es nicht viele Chefredakteure gibt, denen man abnimmt, Leser oder gar  mitschreibende Kommentatoren und Blogger ernst zu nehmen. (Da fällt mir ansonsten nur noch Jochen Wegner von Focus online (ausgerechnet!) ein, auf die Schnelle jedenfalls.)

Vielleicht sollten einige Blogger mal ihr Ego morgens im Schlafzimmer einschließen und darüber nochmal nachdenken. Ich habe ja überhaupt nichts dagegen, Journalisten hart anzupacken, die es verdient haben. Aber alles Scheiße finden, nur weil es nicht so läuft, oder langsamer läuft, oder gar nicht läuft, wie man sich das vorgestellt hat, ist auch keine Heldentat. Genauso wenig wie den Freitag mit dem unsäglichen Zoomer-Experiment auf eine Stufe zu stellen, und von unterschiedlichen, schwer zu vereinbarenden Kulturen zu sprechen.

Es ist nunmal so, dass es bei der Zusammenarbeit von gewachsenen Institutionen (wie einer Zeitschrift) mit einer unverbundenen Ansammlung von Individuen (wie der Blogosphäre) kracht und knirscht. Aber nur weil “die Institutionen” sich häufig schlecht benehmen, indem sie ihre Größenvorteile unnachgiebig ausnutzen (siehe DFB vs. Weinreich), müssen “die Blogger” ja nicht mit dem Holzhammer kommen, wenn die Kräfteverhältnisse einmal anders liegen – wenn zum Beispiel, wie im Falle des Freitags, Flexibilität gefragt ist.

Also: Man muss ja nicht gleich immer mit dem Arsch rum sein. Das ist peinlich, kontraproduktiv und lässt Hybris aufscheinen.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Runterkommen bitte”

  1. rainer kühn
    8. Juni 2010 um 22:06

    ich kann ihre zustimmung zum damaligen projekt der freitag verstehen, ich kann heute die kritik des anfangsstadium, auf die hier reagiert wird, mehr verstehen, zudem heute neben der herbstlichen technikneuerung auch inhaltliche bewegungen, die bedenken machen, eine absehbare perspektive haben. der freitag wird bald nicht mehr ein linkes, linksliberales oder meinungsoffenes blatt sein.

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