An der (alten) Staatsgrenze


Auf der Suche nach tief sitzenden Ost-West-Befindlichkeiten wird man in Berlin nicht groß fündig werden. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer muss man sich schon in die Provinz bemühen: an die alte Grenze der beiden deutschen Staaten. Die Osterfeiertage waren eine Gelegenheit, das wieder einmal zu tun.

In Stapelburg, einem Städtchen im sachsen-anhaltinischen Nordharz direkt an der Grenze zu Niedersachsen, steht neben dem Grenzmuseum der Imbiss “Rast an der Grenze”. Wanderer, Fahrradfahrer und Ortsansässige mit Sinn für das Absurde trinken hier bayrisches (!) Bier vom Fass, schlemmen Eis oder kosten von der “Ost-Speisekarte”: Bockwurst auf Brot zum Beispiel, oder “DDR-Jägerschnitzel”. Betritt man den kleinen Innenraum des Cafés, bleibt der Blick an einem DIN-A-3-Foto Erich Honeckers hängen, und über der Eistruhe hängt eine DDR-Fahne.

Klar, das Ambiente des Imbisses ist kein politisches Statement, sondern angesichts der Lage und der provisorischen Location höchstwahrscheinlich eine der wenigen Möglichkeiten, touristisch gegen den 50 Meter weiter bereits in Niedersachsen liegenden, gut bürgerlichen Eckerkrug anzustinken. (Eckertal, ein Stadtteil Bad Harzburgs, liegt direkt neben Stapelburg; die Mitte des Bächleins Ecker trennt Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.) Gleichwohl darf man diesem Ost-West-Gegensatz durchaus Symbolgehalt abgewinnen. Denn hier in dieser Gegend schätzen sich Wessis und Ossis nicht allzu sehr. Im Gegenteil.

Westlich der Ländergrenze werden die Ossis nicht Ossis, sondern “Zonis” genannt. Und das ist in aller Regel durchaus nicht schmeichelhaft gemeint. (Nicht dass es östlich der Ländergrenze keine Bollerköppe gäbe; aber ich beschränke mich jetzt mal mit der West-Perspektive, da ich dort mehr Leute kenne.) Mit “den Zonis” wollen viele einfach nichts zu tun haben. Das geht so weit, dass junge Familien auf der Suche nach einem schicken Eigenheim - etwa einem alten Bauernhof in einem Dörfchen mit Brockenblick - sich auf den westlichen Nordharz beschränken. Obwohl im Osten solche Objekte billiger zu haben sind. ”Nee, das geht nicht; das ist einfach eine andere Mentalität.” ”Die M. aus Goslar, die jetzt drüben in Wernigerode wohnt, die wird beim Einkaufen immer gefragt, ob sie aus dem Osten ist, weil Sie jetzt ein HZ-Nummernschild am Auto hat. Also, das will ich mir nicht antun!” “Auf ein Bierchen nach Ilsenburg? Lass mal, der Osten ist nicht so mein Ding.” Solche Sätze hört man dort zwar nicht alltäglich, so doch regelmäßig. Und durchaus nicht unbedingt von Leuten, denen es an der Bildung mangelt.

Es liegt eine Schärfe in vielen Äußerungen, die einen erstaunen lässt. Dabei hatte alles gut angefangen: Die Euphorie war groß wie überall nach der Maueröffnung. Es wurde ordentlich gefeiert; die Begrüßungsgeld-Schlangen vor den Rathäusern in den Städten reichten kilometerweit und waren voller Glückseligkeit. Vereins- und Dorfpartnerschaften wurden geschlossen und wiederbegründet. Es gab jährliche Mauerfall-Gedenkfeiern.

Dann kam die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt und das große Handwerkersterben, weil die niedersächsischen Betriebe einen besseren Ruf hatten und die Aufträge bekamen. Die LPGs wurden größtenteils aufgelöst, und die Bauern aus dem Westen kauften so viel Ackerland, wie es Ihnen eben möglich war. Einige Jahre später folgte die Abwanderung vieler Touristen in das hübsch renovierte Sachsen-Anhalt, und es kam das große Handwerkersterben im Westen: Sie wurden im Preis unterboten, oft auch in puncto Engagement überboten. Der Rest ist Schweigen, eingeschlafene Partnerschaften. Es bleiben eigentlich nur noch wechselseitiger beruflicher Pendelverkehr und Spritztouren über die Landesgrenzen.

Das ist das Problem: Es gibt dort - sieht man von selbstverständlich durchaus bestehenden (familiären, freundschaftlichen, beruflichen) informellen Infoströmen ab - keine öffentliche Kommunikation. Die publizistische Trennung manifestiert sich im Nordharz nach wie vor in den Landesgrenzen: im sachsen-anhaltinischen Harz hat die Volkstimme ihre Monopolstellung, auf der niedersächsischen Seite regiert die Goslarsche Zeitung. Bis auf wenige Ausnahmen berichtet die eine Seite nicht über die andere. Auch die Eventkultur zum Beispiel ist komplett getrennt: In jedem Dorf in Niedersachsen wird für Partys und Konzerte im vielleicht 40 Kilometer entfernten Braunschweig plakatiert. Von Veranstaltungen in ähnlicher Preisklasse und Güte in Sachsen-Anhalt, die weitaus näher liegen, erfährt in der Regel keine Sau. Und umgekehrt natürlich. (Tatsächlich gab es Anfang der 90er den Versuch der Goslarschen Zeitung, sich im Osten zu verbreiten, indem eine Redaktion in Wernigerode unter dem Titel der alten Wernigeröder Zeitung arbeitete. Doch der Bauer-Verlag war im preislichen Wettbewerb um Anzeigenkunden ein paar Nummern zu groß, und viele Leute hielten an den wenigen Dingen fest, die noch Bestand hatten - und sei es der Name einer Tageszeitung.) So kann kein wahrer Austausch zustande kommen.

Selbst dass wahrscheinlich 75 Prozent der Zuschauer, die den Heimspielen des VFL Wolfsburg beiwohnen, aus Sachsen-Anhalt kommen, wird “den Zonis” krumm genommen. Denn der Nordharz ist das Einzugsgebiet der altehrwürdigen Fußballnudel Eintracht Braunschweig. Wobei das eher für die Älteren gilt. Die Jüngeren sehen natürlich nicht so recht ein, warum sie einen Drittligisten toll finden sollen, wenn direkt daneben ein Erstligist kickt.

Auf der Rücktour nach Berlin fahren wir am alten Grenzübergang Marienborn vorbei und machen noch einen Abstecher in die Gegend umOsterburg in der Altmark, die für ihren ausgezeichneten Spargel bekannt ist (siehe Spargelfeld-Foto), um mal von der Ost-Wahrnehmung der Nordharz-Niedersachsen (die wie gesagt an dieser Stelle auf der anderen Seite genauso von Ressentiment geprägt ist) auf die sachsen-anhaltinische West-Wahrnehmung zu kommen. Zumal beide Gegenden - der Harz und die Altmark - eine Verbindung haben: über Wolfsburg und Volkswagen als Arbeitgeber vieler Berufspendler. 

Die in der Nähe Osterburgs liegende Universitätsstadt Stendal zum Beispiel hat seit der Wiedervereinigung über 20000 Einwohner verloren. Bevölkerungsverluste durch Abwanderung sind normal in dieser Gegend. Es gibt kaum Arbeit. Es gibt auch soziale Probleme. In der Breite herrscht jedenfalls alles andere als Aufbruchstimmung: “Lausiges politisches Personal, weit verbreitete rechte bis rechtsradikale Gesinnungen, Dumpinglöhne und Gutsherrenmentalität der Unternehmer, SED-Aktivisten in leitenden Positionen - und wenn man mal ehrlich ist, haben außerdem viele das Prinzip des Kapitalismus gar nicht durchschaut: dass man zum Beispiel auch mal investieren muss, um selbst einen Auftrag zu bekommen. Statt dessen wollen hier alle immer nur alles selber machen…”, sagt mein Freund M. 

Das Image der Wessis sei übrigens im Laufe der Jahre besser geworden, schließlich gebe es ja auch viele Pendler. Aber eine gemeinsame thematische Ebene sei deshalb noch lange nicht vorhanden: Dass zum Beispiel Opel in Schwierigkeiten sei, bewege im Osten niemanden, so M.: “Nach der Wende gab es hier einen Haufen Opels.”


 
 
 

Ein Kommentar zu “An der (alten) Staatsgrenze”

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    30. März 2010 um 08:06

    Helo
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